Rhade: Tor zum Münsterland, Brücke ins Ruhrgebiet

von Martina Jansen (Kommentare: 0)

Rhade: Tor zum Münsterland, Brücke ins Ruhrgebiet

Nachdem wir in der ersten Stadtteilserie den südlichsten Ortsteil unserer schönen Stadt vorgestellt haben, blicken wir nun auf den nordwestlichen Stadtteil Dorstens.

Eingebettet zwischen Heiden, Marbeck und Erle auf Borkener Gebiet und Deuten und Lembeck auf Dorstener Seite, wird Rhade zu Recht gerne als grüne Lunge Dorstens bezeichnet. An welcher Stelle man sich hier auch befindet, ins Grüne ist es zu Fuß nie weit. Auch in die benachbarten Städte gelangen die Rhader recht schnell z. B. über die Autobahn A31 oder mit der Nordwestbahn.

Wo genau die Grenzen zwischen Rhade und Lembeck heute verlaufen, ist zwischen den Bewohnern der beiden Stadtteile immer noch ein Gesprächsthema. So liegt das Gewerbegebiet auf der alten Lembecker Seite, ebenso wie Teile des Stuvenbergs, dennoch wird jetzt offiziell die Autobahn als Grenze zwischen den beiden Ortsteilen angesehen. Auch bei der Telefonvorwahl ist Rhade nicht vereint. „Je nachdem, auf welcher Seite des Stuvenbergs man wohnt, ist man Dorstener mit der Vorwahl 02369 oder bereits Westmünsterländer mit der Vorwahl 02866‟, schmunzelt Wilhelm Loick, Mitglied des Bürgerforums Rhade.
Aber Rhade hin, Lembeck her: Viele der älteren Rhaderinnen und Rhader sind in Lembeck geboren. Sie kamen in Lembeck-Endeln, im dortigen Michaelis-Stift, zur Welt. Immer noch ein gefühlter „Makel“ beim Pohlbürger, dessen Familie seit mehreren Generationen in Rhade zu Hause ist.

Foto oben rechts: Silberreiher im NSG Rhade

Geschichte
Rhade wurde zum ersten Mal im Jahre 1217 in einem Lehensbrief schriftlich erwähnt. Die ersten Menschen siedelten sich jedoch nachweislich vor über 6000 Jahren hier an und betrieben Ackerbau. Es folgten bis ins 1. Jahrhundert nach Christus die Indoeuropäer, insbesondere die Kelten, wie an ihrer Bestattungskultur anhand von 1937 ausgegrabenen Knochen und Urnen zu erkennen ist. Nach den Kelten siedelten bis zum 4. Jahrhundert in dieser Gegend die Römer.

Überspringen wir ein paar Jahrhunderte und landen fast im Jetzt, genauer gesagt um den Bereich der Neuzeit. Die „Herren von Lembeck" bekamen vom Bischof Land zum Lehen und traten den Bauern gegenüber als Gutsherren auf. Aber auch der Herzog von Kleve sowie der Bischof von Münster übten ihren Einfluss in Rhade aus, wobei einige Höfe somit zum Herzogtum Kleve, andere wiederum zum Bistum Münster gehörten. 1572 einigten sich die Gutsherren auf einen Grenzverlauf, der dann doch nicht so handfest war, wie gedacht.

Dirk Hartwich, ehemaliger Dorstener Politiker, weiß aus Aufzeichnungen, dass die Rhader 1489 für die Abpfarrung vom Patronatsherrn in Lembeck zahlen mussten. Rhade wurde daraufhin eine selbstständige Pfarrgemeindemit eigenem Pfarrer. Auf eine kleine Kapelle, an welcher Stelle sie stand ist nicht verbrieft, folgte später eine eigene Kirche. 525 Jahre später, im Jahre 2014, kehrt St. Urbanus wieder zurück zur Pfarre St. Laurentius in Lembeck.

Bis 1811 besaßen die Schlossherren des Wasserschlosses in Lembeck Ländereien in der Nachbargemeinde. Politisch zugeordnet wurde das Gebiet danach bis 1828 der Bürgermeisterei Schermbeck, von 1828 bis 1844 der Bürgermeisterei Lembeck und im Anschluss daran bis 1928 dem Amt Altschermbeck, jedoch von 1844 bis 1974 mit eigenem gewähltem Bürgermeister. Es folgte ein erneuter Wechsel, nun gehörte Rhade bis 1974 verwaltungstechnisch zum Amt Hervest-Dorsten, bis es 1975 im Rahmen der kommunalen Neuordnung, wie mehr als 2000 andere Orte auch, seine Gemeinderechte verlor und ein Teil Dorstens wurde.

Foto oben rechts: Gewitter in Rhade

Holting
Die Holtingmärkte, die auf Initiative der Rhader Unternehmer Gemeinschaft RUG von 1992 bis 2007 stattfanden, erinnerten an das Holzgericht, bei dem Nutzungsrechte festgelegt, aber auch Verfehlungen bestraft wurden.
Dieses Gericht tagte bereits vor 650 Jahren auf dem Bauernhof Schulte und zeigt, dass die Kultur der alten Germanen auch hier länger anzutreffen war, als es die Kirchenchroniken glaubhaft versicherten. So fanden sich im Mauerwerk des ehemaligen Kloth’schen Kötterhauses Zeichen aus dem 17. Jahrhundert, die besagten, dass der germanische Gott Donar das Haus beschützte.

Das Naturschutzgebiet
Das Feuchtwiesenschutzgebiet „Rhader Wiesen‟ ist noch relativ jung. Erst 1987 wurde es als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Es liegt südlich des Ortsteils und reicht bis zur A31. Mit einer Fläche von 210,20 ha ist es Dorstens drittgrößtes Schutzgebiet neben den Lippeauen und dem Bachsystem des Wienbaches. Die drei Bäche, Rhader Bach, Schafsbach und Rhader Mühlenbach, die durch das NSG fließen, bieten gefährdeten Vogelarten einen Lebensraum. Auch als Überwinterungsgebiet für Graureiher oder Rastgebiet für Durchzügler wie Silberreiher oder Wildgänse, die sich hier ein Fettpolster anfressen, wird diese geschützte Region gerne genutzt, wie Nikolai Eversmann von der Biologischen Station Lembeck bestätigt.

Bekassinen, Vögel aus der Familie der Schnepfen, sind hier ebenso anzutreffen, wie Kiebitze. Diese selten gewordenen Vögel brüten auf Rinderweiden, die jetzt im NGS durch gewollte Verarmung wieder vorhanden sind. Sie werden lediglich für eine bestimmte Anzahl Beine pro Hektar freigegeben, um den Wuchs des Wiesenschaumkrauts, der sogenannten ‚Kuckucksblume‛, und den Nachwuchs der Bodenbrüter nicht zu gefährden. Auch der in dieser Gegend als ausgestorben geltende große Brachvogel brütet wieder in den Rhader Wiesen. „Bei uns wird er gerne aufgrund seiner Rufe während der Balz ‚Tütebelle‛ genannt‟, weiß Hubert Krampe, der mitten im Schutzgebiet wohnt. „Seit ein paar Tagen kann ich ihn jetzt wieder sehr gut hören‟, freut er sich.

Im Jahre 2011 zogen die ersten Weißstörche Agnes und Ludger ihren Nachwuchs in Rhade groß. Benannt wurden die zwei nach den Landwirten Agnes und Ludger Hessling, auf deren Grund und Boden die Nisthilfe für Meister Adebar aufgestellt wurde. „Im letzten Jahr brütete ein zweites Paar erfolgreich. Ob sie auch in diesem Jahr wiederkommen, das kann niemand voraussagen‟, so Nikolai Eversmann. „Störche sind nicht immer ortstreu und wechseln auch schon mal den Partner‟, fährt er fort.

Foto oben rechts: Der große Brachvogel brütet regelmäßig in Rhade

Der Schützenverein Rhade e.V.
„Mit 16 Jahren ein Rhader Schütze zu werden, ist ein ‚Muss‘ im Leben der Jugendlichen und sie warten darauf, dann endlich in den 1752 gegründeten Verein eintreten zu dürfen‟, weiß der erste Vorsitzende Siegfried Höller. „Dann gilt auch für die Jungschützen nur noch die Zeitrechnung ‚Wochen vor oder Tage nach dem Schützenfest‘, schmunzelt er. Nachbarschaften schmücken ihre Straßen, hissen die Fahnen und die Schützen weisen mit Fähnchen längs der Lembecker Straße auf das bevorstehende Schützenfest hin, zu dem die gesamte Dorfgemeinschaft und viele Gäste von nah und fern erwartet werden. Aus dem gelebten Schützenwesen entwickelten sich mit der Schießgruppe und der Schützenkapelle zwei weitere, eigenständige und sehr erfolgreiche Vereine, die ebenfalls auf lange Tradition zurückblicken können.

Spiel- und Sportverein Rhade 1925 e. V.
Aber auch der Sportverein bietet mit seinen zahlreichen Angeboten unterschiedlicher Sportarten kleinen und großen Rhadern die Möglichkeit, aktiv zu werden. „Vor dem Zusammenschluss des FC-Rhade mit den Sportfreunden Rhade gab es im Dorf gerne kleine Rivalitäten. Dabei spielte ‚Dorf gegen Bahn‛‟, erinnert sich Wilhelm Loick. Nach dem Zusammenschluss wurde der SSV Rhade 1925 einer der größten Vereine Dorstens. „Die Sportfreunde Rhade gaben dabei ihren ‚Alten Sportplatz’ zugunsten einer Bebauung auf. Unter anderem konnte aus dem anteiligen Erlös der Bau eines Kunstrasenplatzes verwirklicht werden“, erklärt Georg Lammers, erster Vorsitzender des Spiel- und Sportverein Rhade.

Foto oben rechts: das amtierende Königspaar Melaniue Hinsken und Tobias Hemker

Die Schützenkapelle
Ein sympathischer Musikverein, deren Konzerte seit Jahren Zuschauermagnete sind, das ist die Schützenkapelle Rhade e.V. Die 65 aktiven Musikerinnen und Musiker des Blasorchesters begleiten mit Unterhaltungs- und Marschmusik nicht nur Festumzüge oder spielen in Festzelten, sie umrahmen auch musikalisch Gottesdienste und Festakte und laden zu anspruchsvoller Konzertmusik wie zum Beispiel dem Neujahrskonzert ein.

Foto rechts: Die Schützenkapelle Rhade sorgt stets für gute Unterhaltung

Das „Museum Soggeberghaus“ und die alte Wassermühle
Im Heimatverein Rhade e.V. spreken die Mitglieder noch sülvs op Platt und verhindern damit, dass es in diesem Stadtteil Dorstens ausstirbt. Aktiv sind sie die etwa 440 Mitglieder. So restaurierten sie drei Jahre lang die Wassermühle, eines der ältesten Gebäude in Rhade. 2003 feierten sie die öffentliche Übergabe der fertigen Mühle. Doch die Vereinsmitglieder ruhten sich nicht aus. In Selbstregie renovierten sie das kleine, mehr als 200 Jahre alte Fachwerkhäuschen „Museum Soggeberghaus“ am Rande des Dorfplatzes an der Kirche. Nach gelungener Renovierung zum Heimatmuseum nutzt der Verein seitdem das urige Häuschen als Vereinsheim.

Foto oben rechts: das Heimatmuseum Soggeberghaus

Der Rahmenplan
Die kommunale Neuordnung stellte Rhade vor die Frage: Wie soll die Umstrukturierung organisiert werden? „Wir hatten ja nun keinen eigenen Gemeinderat mehr, sondern wurden durch den Stadtrat in Dorsten vertreten‟, erinnert sich Dirk Hartwich. „Allerdings hatten wir noch bis 1998 Vertreter im Bezirksausschuss, deren Entscheidungen zwar nicht bindend waren, aber als Empfehlung ausgesprochen wurden.‟

Die Integration des Stadtteils Rhade war eine Riesenherausforderung. „Daher wurde im Juli 2013 ein Rhader Rahmenplan, mit Alleinstellungsmerkmal in Dorsten, vom damaligen Bürgermeister Lambert Lütkenhorst vorgestellt, in dem die Rhader Bürger mit ihrem Wissen in die Projektplanung zu Themen wie Dorfkerngestaltung, Soziales und Bildung sowie Baulandentwicklung einbezogen wurden‟, fährt Dirk Hartwich, der am Rahmenplan aktiv mitarbeitete, fort. „Wir haben erkannt, wie sinnvoll es ist, Ziele zu haben.‟ Im Anschluss an den folgenden zweiten Rahmenplan gründete sich das noch heute bestehende Bürgerforum.

Entwicklung und Infrastruktur
Der alte Dorfkern um die Kirche St. Urbanus herum, entstand durch Waldrodung. Lange Zeit kamen kaum neue Häuser hinzu, denn Land wurde nicht verkauft. Galt es doch als Zeichen der Geldnot, seine Besitztümer zu veräußern. Graf von Merveldt war der erste Grundbesitzer, der sein Land zur Bebauung verkaufte, das Wohngebiet „Am Stuvenberg“, entstand.

Durch die polnischen Arbeiter, die an dem Bau der Eisenbahnstrecke Gelsenkirchen-Bismarck – Winterswijk im Jahre 1880 beteiligt waren, stieg die Einwohnerzahl Rhades enorm an. Nun nutzen auch immer mehr Bergleute die Bahn und pendelten zu den Zechen „Fürst Leopold“ und „Baldur“. Um für die Bergleute und ihre Familien Wohnraum zu schaffen, wurde um den Bahnhof herum eine Siedlung gebaut. Nach einem politischen Beschluss galt damals: Rhader Baugrundstücke für Rhader Bürger. Weitere Häuser wurden entlang der Lembecker Straße gebaut, sodass sich der Stadtteil mittlerweile über drei Kilometer entlang dieser Straße streckt. „Nun müssen der Ortskern, das Gebiet um den Bahnhof und der Stuvenberg zusammenwachsen und die Baulücken schließen“, wünscht sich Dirk Hartwich.

100 Jahre nach Eröffnung der Bahnstrecke, wurde die Autobahn A31 der Öffentlichkeit freigegeben, die Anbindung Rhades an die zusätzlich geplante A41 wurde zum Glück 1977 verhindert. Dennoch ist Rhade nun verkehrstechnisch nicht nur für Berufstätige bestens erschlossen, auch weiterführende Schulen in Dorsten, Borken und Maria Veen sind gut zu erreichen. Der Verkehr nahm jedoch in dem Maße zu, dass für die Bürger ein gefahrloses Überqueren der Straße nicht mehr möglich ist.
Was fehlt, ist das intakte Dorfleben. „Durch drei Lebensmittelgeschäfte gibt es zwar eine gute Kaufbindung vor Ort, es fehlen jedoch generationsbedingt kleinere, inhabergeführte Geschäfte im Ortskern“, bedauert Wilhelm Loick.

Durch eine neu angelegte Radspange zwischen der Römer-Lippe-Route und der Schlosserroute soll die prädestinierte Lage im Grünen nun mit sanftem Tourismus verbunden werden, denn: Eine längere Rast in Rhade lohnt sich auf jeden Fall.

Foto oben rechts: Sie kennen sich aus in Rhade: (v. l. Hubert Krampe, Dirk Hartwich und Wilhelm Loick

Wappen
Seit 1935 besitzt Rhade sein Wappen in der heutigen Form. Der Baumstumpf auf dem gelben Sandboden unter blauem Himmel steht für die Rodung des Waldes, um Platz für die erste Siedlung mit acht Bauernhöfen sowie für Ackerflächen zu schaffen. Aus dem Wort „roden‟ wurde im Laufe der Zeit, auch durch das Rhader Platt, das hier noch gesprochen wird, „Rhade‟.

Eckpunkte der Rhader Geschichte
1217: erste namentliche Erwähnung des Ortsnamens
1489: Abpfarrung vom Patronatsherren in Lembeck
1752: Gründung des Bürgerschützenvereins Rhade
1880: Eröffnung der Eisenbahnstrecke Gelsenkirchen-Bismarck – Winterswijk
1902: Fertigstellung der Landstraße nach Erle
1906: Fertigstellung der Landstraße nach Lembeck
1921: Anschluss ans Stromnetz
1935: Erhalt des Wappens
1963: Eröffnung des Kindergartens St. Urbanus
1968: Bau der Grundschule
Seit 1975: Zugehörigkeit zu Dorsten
1980: Bau der A31
1987: Benennung der Rhader Wiesen als Naturschutzgebiet
2003: Übergabe der renovierten Wassermühle
2010: Erster Rahmenplan
2014: Rückkehr zur Pfarre St. Laurentius in Lembeck
2014: Fusion FC Rhade mit den Sportfreunden Rhade e. V. 1925 zum SSV Rhade
2016: Runderneuerung des Kindergartens am Stuvenberg
2020: Wiedereröffnung der renovierten St. Urbanus-Kirche

GPS Koordinaten: 51°45'03.5"N 6°55'43.7"E
Fläche gesamt 1310,21ha, Wohnfläche 93,97 ha, Industrie- und Gewerbefläche 79,08 ha
Grundschule: Urbanusschule
Kindergarten: Familienzentrum St. Urbanus, Kindergarten Am Stuvenberg
Kirchen: Katholische Gemeinde St. Urbanus/St. Ewald Dorsten-Rhade, Evangelische Heilig-Geist-Kirche Rhade e.V.
Einwohner: 5.702

Fotos: Christian Sklenak, Roland Winkler, Allgemeiner Schützenverein Rhade, Heimatverein Rhade, Schützenkapelle Rhade e.V.

Quelle: www.rhade.de, Stadt Dorsten, wikipedia.de
Zahlen:
Quelle: Stadt Dorsten, www.laengengrad-breitengrad.de

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