Ein Glasfaseranschluss in Eigenregie

von Martina Jansen (Kommentare: 0)

Ein Glasfaseranschluss in Eigenregie

Selbst ist der Lembecker in den Bauernschaften Unterwessendorf und Stegge

„Es läuft… mir wird ganz schwindelig.“ Doris Vogel ist begeistert. Für sie brach am 8. Februar 2019 ein neues Zeitalter an: Sie nutzt seitdem das schnelle Internet. An und für sich keine große Sache, aber Doris Vogel wohnt in Lembeck, genauer gesagt in den Bauernschaften Unterwessendorf und Stegge.

Das letzte Siedlungspolygon, der Bereich, den die Deutsche Glasfaser erschließt, liegt in „Sichtweite“ der einzelnen Höfe der Bauernschaften Unterwessendorf und Stegge – und dennoch unerreichbar weit weg.

Aber die Lembecker haben zum zweiten Mal bewiesen, wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. In Eigenregie etwas auf die Beine stellen, das schafften sie bereits im Jahre 1954. Der Geist der innovativen Bürger aus Dorstens Norden sprühte schon damals, als die Wessendorfer eigenhändig Leitungsgräben für den Anschluss ans öffentliche Wassernetz aushoben. Jetzt brachten sie erneut etwas zustande, das im Kreis Recklinghausen bisher einzigartig ist: Sie pflügten und baggerten die Gräben für ihre Glasfaser-Leerrohre selbst und ließen sich an das digitale Netz der Zukunft anschließen.

„Das funktionierte allerdings nur, weil alle Nachbarn im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Kompetenzen mitgearbeitet haben“, betont Christa Harde, Vereinsmitglied im „GUS“. Aber der Reihe nach.

Für die beiden Nachbarschaften stand fest, dass sie in absehbarer Zeit keine Förderung erhalten werden. Das heißt, die Telekom kann dort zumindest in den nächsten fünf oder sechs Jahren bis auf zwei Ausnahmen keine kostenfreien Anschlussmöglichkeiten für Glasfaser zur Verfügung stellen. „Mit einer Förderzusage hätten wir sicher noch zwei Jahre warten können, aber ohne klare Zusagen hatten wir Sorge, dass wir uns selber abhängen“, befürchtet Christa Harde zu Recht. „Für die digitale Zukunft der umliegenden landwirtschaftlichen Betriebe, für die Zukunft unserer Kinder und Enkel und natürlich auch zur Wertsteigerung unserer Immobilien mussten wir generationsübergreifend denken und auch handeln“, fährt sie fort.

Foto oben rechts: Hand in Hand zum Glasfaseranschluss

Nach einigen Infoveranstaltungen und Hausbesuchen, die daraufhin folgten, sowie nach Gesprächen mit der Stadt hinsichtlich der Rahmenbedingungen erreichten beide Außenbezirke schließlich im April 2018 in der Nachfragebündelung eine Anschlussquote von 82 Prozent. Und dies auf eigene Kosten und mit allen Möglichkeiten, die sie hatten: Kreativität, Zeit, Know-how, Engagement oder auch privaten Maschinenleistungen. „Wir haben alle Talente zusammengenommen und diese eingebracht“, bringt es Christa Harde auf den Punkt.

Das, was sich vielleicht einfach anhört, war am Ende ein Riesenprojekt, das gestemmt werden musste. Aus Haftungsgründen, falls sie beim „Buddeln“ Versorgungsleitungen beschädigt hätten, mussten die engagierten Lembecker im Juni des letzten Jahres einen Verein, den „GUS“, „Glasfaser Unterwessendorf/Stegge“, gründen.

Mit der unkomplizierten Unterstützung aus Reken und Dorsten und der Zusammenarbeit mit der Firma Muenet, dem Glasfasernetzbetreiber, der auf Glasfaseranschlüsse im ländlichen Raum spezialisiert ist, packten es die Vereinsmitglieder schließlich an. So raketierten sie unter Wegen und Straßen durch und hoben die erforderlichen Gräben für die Leerrohre in den kalten November- und Dezembermonaten aus, stets gut versorgt mit Kaffee und Kuchen und weiteren Heißgetränken.

Foto oben rechts: Etliche Meter Gräben mussten ausgehoben werden

„Jeder wusste, was er zu tun hatte, deswegen lief es so gut“, ist der einhellige Tenor. Wolfgang Püttmann ergänzt: „Die Arbeit hat richtig Spaß gemacht. Wir haben uns gegenseitig besser kennengelernt, keiner hat sich verletzt, alles hat super geklappt.“

Durch die Zustimmung aller Flächeneigentümer, ihre Felder nutzen zu können, war die Verlegung der Leerrohre durch die Firma Füssmann zu den Grundstücken überhaupt erst möglich. Zudem verkürzten sich so die Wege, da die Gräben nicht längs der Straßen gezogen werden mussten. Das Einblasen der Glasfaser, die nötigen Anschlüsse und den Netzbetrieb übernahm die Firma Muenet vom Einspeisepunkt Reken aus, sodass der letzte Nachbar am 15. Februar ans Glasfasernetz angeschlossen werden konnte.

1400 Euro feste Kosten plus ein Beitrag in die „Buddelkasse“ fielen für jeden der 36 aktiven und 11 passiven, das heißt momentan noch schlafenden, Anschüsse an, „aber die Realisierung unseres Planes war eine tolle Gemeinschaftsaktion, wir hätten nicht gedacht, dass wir uns gegenseitig so sehr helfen“, sind sich alle Vereinsmitglieder einig. Norbert Michels stimmt dem zu und zieht ein positives Fazit: „Die Durchführung des gesamten Projektes war aufgrund der guten Planung und Organisation echt problemlos. Alle Nachbarn haben dazu beigetragen. Der Zusammenhalt und die Gemeinschaft haben letztendlich zum Erfolg geführt. Unser Glasfasernetz funktioniert und unser Nachbarschaftsgefühl ist neu gestärkt.“

Foto oben rechts: Die Leerrohre werden angeliefert

Text: Martina Jansen
Fotos: Alexandra Meinert

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