„Sie hat uns unendlich viel beigebracht“

von Martina Jansen (Kommentare: 0)

„Sie hat uns unendlich viel beigebracht“

Bürgermeister Tobias Stockhoff zum Tode der Dorstener Ehrenbürgerin Schwester Johanna Eichmann OSU

24. Februar 1926 (Münster), 23. Dezember 2019 (Dorsten)

Die Stadt Dorsten trauert um ihre Ehrenbürgerin Schwester Johanna Eichmann OSU, die am Montag vor Heiligabend im Alter von 93 Jahren verstarb. Schwester Johanna ist eine Jahrhundert-Persönlichkeit, vor der wir uns in diesen Tagen verneigen: Sie war nicht nur Zeitzeugin, sondern hat ihre Zeit mitgestaltet. Mut, Aufrichtigkeit, Anstand und ein unerschütterlicher Glaube dienten ihr im Denken und Handeln als Kompass.

Ihre Herkunft gibt die Richtung vor für ihr weiteres Leben: Geboren als Ruth Eichmann in einer jüdischen Familie, die Mutter Jüdin, der Vater Katholik, aufgewachsen in Recklinghausen, auf Wusch der Großeltern jüdisch erzogen, 1933 aber katholisch getauft zum Schutz vor dem unmenschlichen Rassenwahn des nationalsozialistischen Regimes. 1936 bringen die Eltern ihre Tochter Ruth im Internat der Dorstener Ursulinen unter. Ihre Herkunft wird hier geheim gehalten. Vielleicht ahnt sie damals schon, dass die Ursulinen die größte Strecke ihres Lebensweges bestimmen werden.

Die folgenden Lebensjahre sind bestimmt von Kriegs- und Nachkriegswirren. Der Mensch, herumgeworfen von der Geschichte: 1942 muss sie das Internat verlassen, wird nach einer Prüfung in Berlin Dolmetscherin für die Betreuung französischer Zwangsarbeiter. In den letzten Kriegsmonaten musste sie als „Halbjüdin“ selbst Zwangsarbeit verrichten. 1945 kehrt sie zurück ins Ruhrgebiet, legt die Reifeprüfung ab, studiert Publizistik, Deutsch und Französisch. 1952 tritt sie als Schwester Johanna in den Orden der Ursulinen in Dorsten ein. Dort wird sie 1956 schließlich Lehrerin und wenige Jahre später Direktorin des St. Ursula-Gymnasiums, damals als jüngste Schulleiterin in NRW.

Jüdische Wurzeln und katholischer Glaube, die Erfahrung von Ausgrenzung durch Rassisten und von Schutz durch die Ursulinen: Diese Erlebnisse spinnen schon früh den roten Faden, der ihr Leben durchwebt.

Als Ordensfrau und Schuldirektorin initiiert sie viele wegweisende Veränderungen: Das Mädchengymnasium öffnet sich für Jungen, die Nonnen legen die Ordenstracht ab. Mit der ihr eigenen, unbändigen Energie streitet sie für ihre Überzeugungen. Die Schmähung als „rote Johanna“ trägt die ebenso zierliche wie energische Frau stolz als Ehrentitel. Der zweite Band ihrer Lebenserinnerungen, erschienen 2013 im Essener Klartext-Verlag, heißt genau so: Die rote Johanna.

Ihre jüdischen Wurzeln und die jüdische Geschichte und Kultur lassen sie gleichwohl nicht los: Sie engagiert sich in den 1980er Jahren in der Forschungsgruppe “Dorsten unterm Hakenkreuz”, aus der schließlich die Initiative zur Gründung des Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten hervorgeht.

Nach dem Ruhestand als Schuldirektorin übernimmt sie 1992 die Leitung des gerade eröffneten Museums und behält diese bis 2006. „In diesem Museum akkumuliert alles, was in meinem Leben als Fügung und Führung zusammentrifft”, sagte Schwester Johanna 2011 beim Festakt zur Verleihung der Dorstener Ehrenbürgerwürde.

Neben dieser höchsten Ehre, die die Stadt Dorsten vergibt, erhielt Schwester Johanna zahlreiche weitere Auszeichnungen: Das Bundesverdienstkreuz am Bande, (1997), den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen (2006) und den Titel „Vestische Ehrenbürgerin“ des Kreises Recklinghausen (2007).

Wir trauern an diesem Weihnachtsfest um einen besonderen Menschen, um Schwester Johanna Eichmann, die nicht mehr da ist. Die uns allen fehlt als Persönlichkeit, als Instanz, als gute Freundin und Ratgeberin. Aber wir stehen zugleich voller Bewunderung vor ihrem Lebenswerk, das bleibt und das sie mit erstaunlicher Klugheit über ihr Erdenleben hinaus organisiert hat:

Sie hat das Jüdische Museum mit ihren Mitstreitern so aufgestellt, dass es weiter existieren kann. Sie hat die Stiftung mit initiiert, die heute die St. Ursula-Schulen trägt und die auch dann noch bestehen wird, wenn es den Orden der Ursulinen in Dorsten einmal nicht mehr geben sollte. Und sie hat uns ihr Wissen, ihr Denken und ihre Überzeugungen in vielen Schriften hinterlassen, in die wir immer wieder hineinschauen sollten.

Der Wikipedia-Artikel über ihre Person nennt Johanna Eichmann „eine deutsche Nonne, Lehrerin und Mitbegründerin des Jüdischen Museums Westfalen”. An ihr Wirken als Ursulinin und bei Gründung und Leitung des Museums wird in diesen Tagen vielfach erinnert werden.

Dass sie Lehrerin war, wird in der öffentlichen Wahrnehmung dagegen zu Unrecht unterschätzt.
Denn Schwester Johanna war nicht nur über drei Jahrzehnte Lehrerin im Schuldienst, die viele tausend junger Dorstenerinnen und Dorstener unterrichtet hat. Sondern aus ihrer Persönlichkeit und ihrem Lebensweg heraus hat sie uns allen unendlich viel beigebracht.

Jeder Mensch, der sie kannte, wird sich an besondere Begegnungen mit ihr erinnern. So klopfte mir die zierliche Ehrenbürgerin am Tage meiner Amtseinführung auf die Schultern und sagte „Sie werden das schaffen.“ Dann berichtete sie mir von ihren Jahren als junge Schulleiterin mit all den damit verbundenen Herausforderungen. Sie hat mir, wie so vielen anderen Menschen in unserer Stadt, Mut zugesprochen. Dafür danke ich ihr von Herzen.

Möge sie leben im Frieden Gottes, auf den sie ihr Leben lang stets vertraut hat.

Tobias Stockhoff
Bürgermeister

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