Die Bühne ist ihr Zuhause

von Martina Jansen (Kommentare: 0)

Die Bühne ist ihr Zuhause

Camila Scholtbach, das chilenische Energiebündel, lebt ihren Traum

Was die 33-Jährige auf sich genommen hat, um sich ihren Traum vom Tanzen zu erfüllen, das ist schon beeindruckend. Und nun hat sie ihr Weg von Chile über Essen als Tanzlehrerin nach Wulfen geführt.

Camila Alejandra Scholtbach Sánchez wurde als Tochter einer chilenischen Mutter und eines deutschen Vaters in Südchile, genauer gesagt in Patagonien geboren und wuchs auch dort auf. „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit“, blickt die quirlige Tänzerin zurück. „Meine Eltern waren Naturfreunde und ich wurde inmitten von Seen und Wäldern groß.“
So ungezwungen ihr Leben in der Familie war, so sehr musste sie sich in der konservativen Schule anpassen, denn Schuluniform und Schuhe mit Schnürsenkeln, das war so gar nicht Camilas Welt. Dennoch ging sie brav jeden Morgen zur Schule, freute sich aber mehr auf den Nachmittag, denn nun konnte sie endlich zum Balletttraining ins „Teatro Municipal de Santiago“. Für das dreistündige Training in der Stadt nahm die damals Siebenjährige je eine Stunde Hin- und Rückweg auf sich.

Foto oben rechts: "Künstler sind nun mal etwas anders“ (Camila Scholtbach)

„Seit ich im Fernsehen die großen Ballerinen in Aida gesehen habe, wollte ich auch tanzen“, erinnert sich die junge Chilenin. „Das Tanzen ist eine ganz andere Welt“, fährt sie fort. In dieser Welt blieb sie und begann ein Tanzstudium. „So sehr ich tanzen auch liebe, so sehr habe ich dadurch mein soziales Leben vernachlässigt. Ich wollte aber endlich ein ganz normaler Teenager sein, Freunde treffen, auf Partys gehen und meine Freiheit genießen.“ Zwei Jahre dauerte dieses normale Teenagerleben, dann zog es Camila Scholtbach wieder zum Tanzen und damit auf die Uni. Sie studierte sowohl an der Ballettakademie des Stadttheaters in Santiago de Chile und an der Kunstfakultät „Universidad de Chile“ sowohl Tanz als auch die „Wissenschaft der körperlichen Tätigkeit”, einem Zweig der Medizin. In allen Studiengängen erhielt sie ihr Diplom, einmal sogar mit Auszeichnung.

Parallel zum Studium wechselte sie die Schule und ging fortan auf eine Kunstschule. „Hier wurden alle so akzeptiert, wie sie sind. Und Künstler sind nun mal etwas anders – aber dort durften sie es sein“, verrät mir die sympathische 32-Jährige. „Um mein Studium zu finanzieren, jobbte ich während des Studiums in Büros, arbeitete als Bedienung und sogar als Go-go-Girl“, erinnert sie sich.
Camilas Ballettlehrerin erkannte früh das Talent des natürlichen Ausdrucks ihrer Schülerin. So musste sie ihre Gefühle auf der Bühne nicht schauspielern. Mit dem Ballett war es dennoch bald vorbei.

Foto oben rechts: Camila Scholtbach, eine ausdrucksstarke Tänzerin

„Ich liebte den Bühnentanz, aber mein Körper wurde fraulicher, da war es, im Nachhinein zum Glück, vorbei mit der Ballettkarriere. Ich wechselte zum Modern Dance“, erzählt die begeisterte Tänzerin und fährt fort: „Ich habe mich der „Compania de Papel“ angeschlossen, einem Ensemble mit 14 Tänzerinnen und Tänzern. Wir sind viel durch Südamerika gereist und gewannen den wichtigsten Preis als Newcomer.“
Camila feierte zudem Erfolge in zahlreichen Stücken, die sie selber performte oder künstlerisch leitete. So trat sie als Tänzerin in den Musicals „Jesus Christ Superstar“ oder „My Fair Lady“ in Chile auf, als auch auf internationalen Festivals in Bolivien, Argentinien, Brasilien und Ecuador.

„Es war eine tolle Zeit“, blickt Camila Scholtbach zurück, „aber ich wollte zum zeitgenössischer Tanz, dem Contemporary, wechseln. Nun merkte ich jedoch zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich nicht gut war, denn ich hatte keinerlei Kenntnisse von diesem Tanz. Aber wollte ihn erlernen.“ Die beste Möglichkeit dazu gab es in Essen an der Folkwang Uni, daher flog die damals 27-Jährige kurzerhand alleine nach Deutschland. „Hier stellte ich sehr schnell fest, dass ich schwanger war, blieb aber dennoch. Wir Chilenen sind ein stolzes Volk, wenn wir uns einmal zu etwas entschieden haben, dann bleiben wir dabei.“ Also folgte ihr Jazzgitarrist Alvaro, jetziger Ehemann und Vater ihres Kindes, nach Essen. Im ersten Jahr fand die Kommunikation in Deutschland ausschließlich auf Englisch statt, mittlerweile spricht Camilla sehr gut Deutsch, der interessante spanische Akzent ist jedoch geblieben.

Die Familie hat sich gut eingelebt, der Kreis der sozialen Kontakte wird immer größer und durch Mundpropaganda – und natürlich auch durch ihre hervorragenden Zeugnisse – erhält sie immer mehr Engagements. Dort performt sie unter anderem ihr selbst geschriebenes Stück zusammen mit Mann und gutem Freund auf Firmenfeiern oder Ausstellungen, eine feste Stelle war jedoch bis jetzt noch nicht dabei.

Foto oben rechts: Für den Contemporary, den choreografischen Ausdruckstanz der Gegenwart, verließ Camila Scholtbach ihr Heimatland

Seit Kurzem unterrichtet Camila Scholtbach beim TSZ in Wulfen Ballett für Anfänger bis hin zu Fortgeschrittenen, Modern und Jazz Tanz für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie die zeitgenössische Technik wie Gaga, Improvisation und Propioseption.

„Wir sind Künstler, keine Instrumente, wir müssen uns mit unserem Körper ausdrücken, in ihn hinein fühlen. Ich unterrichte daher keine Techniken, sondern versuche meinen Schülern beizubringen, sich an ihre Gefühle zu erinnern “, erklärt Camila ihren etwas anderen Trainingsstil. „Mittlerweile sind Gymnastik, hochschwingende Beine und Schauspiel nicht mehr genug, auch wenn es früher wunderschön anzusehen war. Aber der Geschmack des Publikums hat sich geändert.“

Sicherlich werden wir in Zukunft von der Vorreiterin des neuen tänzerischen Zeitgeistes noch eine Menge zu sehen bekommen.

Einen kleinen Einblick in Camila Scholtbachs Kunst des Ausdrucktanzes bekommen Sie auf ihrer Webseite Camilascholtbach.com.

Text: Martina Jansen
Fotos: Alvaro Severino

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