Die Zeit zwischen Tod und Bestattung

von Martina Jansen (Kommentare: 0)

Die Zeit zwischen Tod und Bestattung

Die hygienische Versorgung für einen Abschied am offenen Sarg

Noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts war es üblich, Verstorbene im eigenen Zimmer zu Hause aufzubahren. Heute stirbt nur jeder Vierte Zuhause. Die meisten Menschen sterben im Krankenhaus oder im Pflegeheim und werden kurz nach ihrem Tod vom Bestatter überführt. „Oft müssen wir den Angehörigen Mut machen, nach einer Versorgung die Abschiednahme am offenen Sarg, die dann im Allgemeinen möglich ist, auch wahrzunehmen“, erzählt Marcus Geismann.

Woher kommt die Angst vor dem Umgang mit verstorbenen Menschen. Obwohl sich viele die Frage stellen, was mit ihren Angehörigen beim Bestatter während der kurzen Zeit zwischen Sterbebett und Beerdigung geschieht, fragen wohl die wenigsten Menschen direkt beim Bestatter nach, wie der Ablauf bis zur Beerdigung aussieht.
Im Gegensatz zu früher empfehlen Bestatter und Trauerbegleiter in der heutigen Zeit den Hinterbliebenen am offenen Sarg Abschied zu nehmen. Wenn sich kein Leben mehr im leblosen Körper befindet, kann ich loslassen und meinen Angehörigen gehen lassen. Vor dieser Situation muss sich aber niemand fürchten. „Natürlich ist es immer schwer, einen geliebten Menschen gehen lassen zu müssen, aber wir Bestatter tragen mit unserer Arbeit dazu bei, dass Angehörige durch den Abschied am offenen Sarg ein tröstliches Bild mit auf den weiteren Trauerweg nehmen können“, erklärt Rainer Geismann.

Foto oben rechts: Marcus Geisman vor dem Versorgungsreaum des Bestattungshauses ( Das Foto wurde bereits 2019 aufgenommen)

Er und sein Sohn geben mir heute die Gelegenheit, im gleichnamigen Bestattungshaus bei der hygienischen Grundversorgung anwesend zu sein und Fragen zu stellen. Sie zeigen mir natürlich anhand einer Übungspuppe den kompletten Ablauf einer Überführung bis zur Aufbahrung im Sarg. An ihr üben angehende Bestatter Techniken, damit bei verstorbenen Menschen beispielsweise Mund und Augen geschlossen und Hände gefaltet bleiben.
„Die wenigsten Hinterbliebenen sind bei der Versorgung dabei, obwohl wir es hier im Hause ebenso wie andere Bestatter anbieten“, weiß Marcus Geismann aus seiner Arbeitspraxis. Diese letzte Handlung, die man seinem verstorbenen Angehörigen erweist, wenn man es denn möchte, kann jedoch dazu beitragen, den Tod zu verkraften und gezielter und direkter persönlich Abschied zu nehmen.
Nachdem die verstorbene Person auf die Bahre gelegt und mit Leinentüchern würdevoll bedeckt wurde, wird die Trage verschlossen. Schwarze Plastiksäcke werden natürlich nicht verwendet. Nach der Überführung und noch vor der hygienischen Versorgung ist die initiale Kühlung des Körpers auf etwa vier Grad eine gute Möglichkeit, Vergänglichkeitsprozesse massiv zu hemmen. Anschließend wird der Verstorbene in dem klimatisierten Versorgungsraum vorsichtig entkleidet, wobei die Genitalien sowie der Busen bei Frauen aus Gründen des Respektes und der Würde stets bedeckt gehalten werden. „Bei der Grundversorgung müssen wir stets Einwegschutzkittel mit Nässesperre, Mund-Nasen-und Gesichtsschutz sowie Schutzhandschuhe tragen, auch außerhalb der Coronazeiten“, beantwortet mir Marcus Geismann im Vorfeld schon die Frage, die ich gerade stellen wollte.
Nachdem die Wertsachen digital dokumentiert und alle medizinischen Gerätschaften wie Beatmungstuben oder Kanülen entfernt, sowie Wunden verschlossen wurden, beginnt die eigentliche Versorgung. Nach einer kompletten Desinfektion waschen Bestattungsfachkräfte den leblosen Körper sowie seine Haare und föhnen sie gegebenenfalls nach einer Fotovorlage nach dem letzten Aussehen des Verstorbenen. Sie säubern Nägel und versorgen frische Wunden und Nähte so, dass diese später kaum noch wahrnehmbar sind.

Foto oben rechts: An einer Übungspuppe zeigen Rainer und Marcus Geismann den kompletten Ablauf einer Überführung bis zur Aufbahrung im Sarg

Die weiteren Tätigkeiten dienen eher der Hygiene als der Optik. Der Mund-Nasen-Rachenraum wird mit einer desinfizierten Watte verschlossen und der Verstorbene erhält ein Windelhöschen, damit keine Flüssigkeiten mehr austreten und Gerüche entstehen können. Das hört sich sehr technisch an, dient aber dazu, den Angehörigen die Möglichkeit des Abschieds am offenen Sarg über mehrere Tage hinweg zu ermöglichen. „Hierzu ist natürlich anatomisches Wissen notwendig, was in der Bestatterausbildung und in Lehrgängen vermittelt wird“, erklärt der Junior des Bestattungshauses.
Um dem Verstorbenen ein würdevolles Aussehen zu geben, werden Augen und Mund verschlossen. Dazu werden die Augenlider mit speziellen Kappen und auch Unter- und Oberkiefer von außen unsichtbar fixiert und der Zahnersatz eingesetzt. Männliche Verstorbene werden zudem noch rasiert. „Mit einer speziellen Lotion cremen wir anschließend die verstorbene Person ein, damit ihre Haut nicht zu schnell Feuchtigkeit verliert und sie sich optisch nicht zu schnell verändert“, gibt mir der junge Bestattermeister weiterhin einen Einblick in seine Arbeit. Es ist übrigens ein weiterer Irrglaube, dass Haare und Fingernägel nach dem Tode weiterwachsen. Durch den Feuchtigkeitsverlust zieht sich die Haut zurück, Bartstoppeln sind deutlicher zu sehen. Auch bei dem Einkleiden der Angehörigen hält sich hartnäckig ein Mythos. „Die Kleidung wird natürlich nicht hinten aufgeschnitten, sie wird dem Verstorbenen ganz normal angezogen“, fährt er fort. Durch Massieren und vorsichtiges Dehnen wird dazu die Totenstarre, falls sie noch vorhanden ist, behutsam gelöst.
Zum Schluss der Versorgung bekommt der Verstorbene mit einer pigmentierten Feuchtigkeitscreme etwas Farbe ins fahle Gesicht, um ein natürliches und vertrautes Aussehen zu erzielen, die Hände werden gefaltet oder übereinandergelegt. „Hände sind unser Erstkontakt zu unseren Mitmenschen. Sie tragen sehr wichtige Erkennungsmerkmale wie beispielsweise den Ehering oder Tattoos. „Mit unseren Händen drücken wir auch Gefühle und Vertrautheit aus. Da sie beim Abschiednehmen oft berührt werden, achten wir hier besonders auf ein gepflegtes Erscheinungsbild und tragen bei Frauen, wenn die Familie es wünscht, etwas Nagellack auf“, erklärt Marcus Geismann weiter. Der Verstorbene kann übrigens auch unbesorgt noch berührt oder umarmt werden, denn „beim Abschied ist Be-greifen wichtig und das oft zitierte Leichengift gibt es nicht.“
Früher wurde Angehörigen oft geraten, ihren Verstorbenen so in Erinnerung zu halten, wie man ihn zuletzt erlebt hat. Aber wie war dieser Anblick? „Wenn durch unsere Versorgung die Spuren medizinischer Behandlung beseitigt sind und der Verstorbene in seiner Lieblingskleidung eingebettet wurde, ergibt sich ein ganz anderes, ein positives letztes Bild für die Angehörigen.“ Der Verstorbene ist erlöst von seinen Leiden und es treten nun Ruhe und Frieden ein. So bleibt ein wesentlich besserer letzter Anblick im Gedächtnis als der, den die Hinterbliebenen beispielsweise auf der Intensivstation erlebten.
Im Laufe des Besuches wird mir immer klarer, dass das Leben endlich ist und auch ich irgendwann auf dem Versorgungstisch eines Bestatters liegen werde. Ob ich dann noch merke, was mit mir passiert, darüber kann man endlos diskutieren, Fakt ist jedenfalls, dass ich auch dort noch respektvoll behandelt werde und meine Angehörigen ohne Angst würdevoll Abschied nehmen können.

Foto oben rechts: Auf den ausgedruckten Bändchen sieht Marcus Geisman auf Anhieb persönliche Daten des Verstorbenen sowie die dokumentierten Wünsche der Angehörigen

Text: Martina Jansen
Fotos: Christian Sklenak und privat

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